Vaganten waren ...

...ein Personenkreis, dessen Anfänge in das 9. Jahrhundert zurückgehen und der seine Wurzeln im Klerus hatte. Einige hielten sie für entlaufende Kleriker, andere für gescheiterte Existenzen. Sie selbst bezeichneten sich als Vagantes in hoc exilo, als Wanderer in dieser Fremde, auf der Suche nach der ewigen Heimat im Jenseits. Das Wormser Konzil, abgehalten im Jahre 808, verstand unter Vaganten Geistliche, die keine eigenen Pfarrstellen hatten. Höhepunkt dieser Form dieses Vagantentums war das 12. und 13. Jahrhundert, und hier waren es die Universitäten von Paris, Montpellier, Padua und Bologna.

Vaganten auf der anderen Seite standen zu dieser Zeit Gaukler, Akrobaten und Musikanten. Die Vaganten hielten sie für niveaulos. Es waren Menschen ohne Stand und Rechte, sie wurden als Vagabunden bezeichnet.

Die Unterschiede verschwanden aber bald. Die Masse angehender Kleriker fand keine Anstellung bei der Kirche, ihnen blieb nur das Vagieren, wobei es hier recht locker zuging. So fanden Kolloquien in Bordellen statt, nichts Fleischliches war der Mehrheit der Vaganten fremd. In der Carmina Burana, einer Sammlung von Vagantenliedern, werden neben der Suche nach Wissen auch Homosexualität und Vergewaltigungen besungen.

Aus ihren Reihen wurde die Kritik an der Kirche immer beißender, hatten sie doch auch ein höheres Bildungsniveau als der Durchschnitt der bestallten Kleriker.

Dieser Widerspruch führte dazu, das sie sehr bald ihre Privilegien, wie die Abgabenbefreiung, verloren und es war ihnen auch nicht mehr möglich, ihren Unterhalt zum Beispiel durch Vermittlung von Kultur und Bildung an den Adelshöfen verdienen zu können. Ersteres übernahmen mehr und mehr die Minnesänger.

Schon im Mittelalter verloren immer mehr Menschen ihre Existenzgrundlage, die Handwerkszünfte sperrten sich gegen Neuaufnahmen, die Pfründe wurden verteidigt. Wandernde Handwerksgesellen fanden nicht unbedingt mehr einen Meister, der sie einstellte. (Die Gesellen begaben sich auf Wanderschaft, um ihre Quailifikation zu erweitern, für viele wurde daraus eine Flucht aus der drohendenden Arbeitslosigkeit) Es entstanden eine Reihe unehrenhafter Berufe ,wie Schäfer, Gassenkehrer, Türmer, Brunnenbohrer und Dirnen. Mitte des 17. Jahrhunderts nach dem Ende Dreißigjährigen Krieges war die Produktion und somit die Lebensgrundlage vieler Menschen völlig zerstört. In erster Linie traf es die Unehrbaren, die keinem Stand, keiner Zunft angehörten. Der Unterschied zwischen Vaganten und Vagabunden war aufgehoben, beide Gruppen verschmolzen, von der ständischen Gesellschaft nun gemeinhin als Vaganten bezeichnet.

Eine weitere soziale Gruppe war schon lange entstanden. Mit dieser Gruppe verband sich nichts romantisches oder gar exotisches. Bedingt durch die gesellschaftliche Situation waren sie zu ihrem Lebenstil gezwungen. Dieser war geprägt durch ständigen Ortswechsel und Sicherung der Existensgrundlage, was nicht unbedingt mit den herrschenden Gesetzen in Einklang stand. Schwindler, Beutelschneider und Hausierer waren neue Berufe innerhalb der Vaganten, es wurden organisierte Diebes- und Raubtouren unternommen. Unter anderem aus Hebräischen, der Sprache der Sinti und dem Mittelhochdeutschen bildeten sie eine eigene Sprache, das Rothwelsch. Innerhalb des Vagantentums wurden auch gesellschaftliche Schranken aufgehoben. Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Religion oder körperlichen Behinderungen traten kaum auf. Ihre Wanderwege markierten die Vaganten durch Zinken.
                               

Die bürgerliche Gesellschaft reagierte auf diese Entwicklung unter anderem mit der Einrichtung von Zucht- und Arbeitshäusern. Isoliert werden sollte diese soziale Schicht durch drakonische Strafen und Ächtung von Personen, die den Vaganten Unterschlupf gewährte, was nur bedingt gelang. In vielen Gegenden wurde ihnen in Pfarrhäusern, auf Bauerngehöften und auch in kleineren Städten Unterschlupf gewährt. So revanchieren sich die Vaganten, zum Teil wird Diebesgut verteilt. Sie unterrichteten die Bevölkerung im Lesen, Schreiben und Rechnen. So wurde u.a. 1693 der Gemeinde Kirdorf in Hessen ein Tuch zur Abdeckung des Altars geschenkt.

Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte der Staat das Problem des Vagantentums durch soziale Einrichtungen wie Schlafstellen und Wannenbädern aufzufangen. Sie standen teilweise i.d.R. unter strikter polizeilicher Aufsicht, und hatten nur bedingt Erfolg.